Chicco wird Reitpferd – Eine Trainingsgeschichte

Der vierjährige Chicco aus Sachsen ist ein fuchsfarbener Curlywallach. Er lebt zusammen mit anderen Artgenossen im privat geführten Offenstall seiner Besitzerin.

Über die  Homepage der AKA nahm seine Besitzerin Bianka mit mir als ausgebildetem,  selbstständigen Equine Coach Kontakt auf, da ich in meinem Stall „Gut Scheidt“ in der Nähe von Düsseldorf unter anderem auch Pferde zum Training aufnehme. Biankas Wunsch: Chicco sollte sie brav durchs Gelände tragen und vertrauensvoll auf dem Transporter zurück nach Sachsen fahren. Schnell fanden Bianka und ich zusammen und sie brachte den Wallach zu mir auf den Hof. Nun hatte ich sechs Wochen Zeit, um aus Chicco mit EBEC ein verlässliches Reitpferd zu machen.

Zwei große Themen standen also auf dem Plan: Reiten und Verladen.
In der ersten Woche ging es mit der Basisarbeit los. Jeden Tag machte ich mit Chicco zwei kurze, etwa 10 bis 30-minütige Trainingseinheiten. Ich übte mit ihm alles, was er als Reitpferd künftig beherrschen sollte. Chicco war noch recht untrainiert: Beim Führen dachte er eher ans Knabbern und Beißen. Und an entspanntes Halftern und Trensen war noch nicht zu denken, da er sich nicht gerne am Schopf anfassen ließ. Auch das Abspritzen mit Wasser, die Akzeptanz von Fliegenspray und das Satteln standen auf dem Trainingsplan. Dazu kam die Arbeit an der Doppellonge im Longierzirkel und in der Reithalle sowie der interspezifische Kommunikationsprozess als Basis für unsere weitere, vertrauensvolle Zusammenarbeit und die Möglichkeit, uns einander verständlich zu machen.

In der zweiten Trainingswoche standen das erste Aufsitzen, den Reiter tragen und das Verstehen der treibenden Schenkelhilfe im Fokus. Um sicherzustellen, dass Chicco keinem zu großen Stress ausgesetzt war, der seine Lernfähigkeiten negativ beeinflusst hätte, arbeiteten wir zu zweit im AKA Team und kontrollierten regelmäßig seine Herzfrequenz. Die einfachen Zügelhilfen hatte Chicco bereits durch die Arbeit an der Doppellonge verstanden. Durch diesen Vorbereitungsschritt war er auch unter dem Sattel gut lenkbar, konnte prima durchpariert und rückwärts gerichtet werden.

In der darauffolgenden Woche vertiefte ich dann die reiterlichen Hilfen weiter und ritt frei in der Halle und anschließend auch auf dem Platz mit ihm. Diese Trainingseinheiten hielt ich bewusst kurz, um Chicco physisch und psychisch nicht zu überlasten. Dank der Vorbereitung und des interspezifischen Kommunikationsprozesses stand er jedem neuen Lernschritt offen und konzentriert gegenüber. Das wollte ich unbedingt erhalten. Ergänzt wurde das Training durch kurze Einheiten an der Doppellonge, die ihn auch physisch im muskulären Aufbau unterstützten sollten.

Die vierte Trainingswoche stand im Zeichen des Ausreitens. Da eines der Hauptziele die Verlässlichkeit Chiccos im Gelände war, begann ich mit Ausritten in einer Kleingruppe von ein bis drei Mitreitern auf verlässlichen Pferden. Wir nutzten aus pferdezentrischer Perspektive also zunächst den Herdentrieb, so dass Chicco sich sukzessive und in kleinen Schritten an das Gelände gewöhnen konnte. Mit dem klaren Ziel, dass er sich dort später mit Bianka als Reiterin und ohne den Schutz des Herdenverbandes sicher und ohne Furcht bewegen sollte. Chicco war von Anfang an im Gelände sehr motiviert, dabei aber jederzeit gut lenkbar. Gemeinsam genossen wir den ersten Galopp über die Stoppelfelder ganz ohne die Gruppe.

In der fünften Woche integrierte ich das Verladetraining. Chicco wurde in mehreren kleinen, nach den Richtlinien des Verladetrainings der AKA klar definierten Einheiten an den Anhänger gewöhnt. In der Ausbildung zum Equine Coach lernt man im Trainingskurs, wie man Pferde optimal auf das Fahren im Anhänger vorbereitet und professionell darauf trainiert. Da Pferde ganz nach dem Prinzip: „Was habe ich getan und wie ist es mir dabei ergangen?“ agieren, ist das wichtigste Element dabei, den Reiz „Anhänger“ als positiv im limbischen System des Tieres zu verankern. Das Ziel der Trainingseinheit war also ganz klar: Chicco soll den Anhänger und das ganze Verladeszenario mit einem positiven Gefühl verbinden. Motto: „Ich bin in den Anhänger hinein- und wieder herausgegangen – und dabei ging es mir gut!“ Das ist mit meiner Kompetenz als Equine Coach voll und ganz gelungen.

Im sechsten Zyklus rückte Chiccos Abreise näher. Nun ging es darum, dass er sich nicht nur von mir und meinem Team, sondern auch von Bianka reiten und verladen ließ. Bianka hatte zwei Tage eingeplant, damit ich ihr und Chicco zu einem optimalen Start verhelfen konnte. Wir ritten zusammen ins Gelände und hatten eine wundervolle und entspannte Zeit. Ich gab ihr außerdem eine kurze Einführung in die  Arbeit mit der Doppellonge, wir machten eine Generalprobe „Verladen mit Bianka“ und arbeiteten auf dem Reitplatz an der Feinabstimmung unter dem Sattel.

Nun war der letzte Tag gekommen und Chiccos Abreise stand kurz bevor. Wir behielten auch da alle Routinen in Ablauf und Training bei. Und zum Abschied ließ sich Chicco einwandfrei auf den Hänger führen. Mit einem Tränchen im Auge winkte ich dem Transporter hinterher.

Die zwei werden ihren Weg machen und bestimmt ganz viele gemeinsame Ausritte genießen. Wann immer sie Unterstützung brauchen, stehe ich ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Ich danke Bianka für das in mich gesetzte Vertrauen. Und ich danke Chicco für all das, was ich in den sechs Wochen unserer gemeinsamen Zeit von ihm lernen durfte!

Sabine Angemeer, AKA Equine Coach
sangemeer@gut-scheidt.de