Pferde sind zum Reiten da – das ist doch klar! Oder? Jeder der mit den wunderbaren Tieren zu tun hat, verbringt auch – zwangsläufig – viel Zeit mit ihnen, in der nicht geritten wird. Beim Striegeln, beim Ausmisten, beim Füttern, beim Führen. Und wer ganz ehrlich ist, weiß: Genau in dieser Zeit entsteht die wirklich enge Verbindung zum Tier, das Vertrauen, dass ein sicheres und entspanntes Reiten für beide Seiten möglich macht. Der Grund, warum viele Wissenschaftler und Trainer eine pferdezentrisch ausgerichtete Bodenarbeit, wie sie z. B. nach EBEC (Evidence-Based Equine Communication) trainiert wird, als wichtigste Basis der Interaktion zwischen Mensch und Tier ansehen.

Entspanntes Miteinander von Pferd und Mensch

Wurde die Bodenarbeit früher genutzt, um dem Pferd via Dominanz Respekt vor dem Menschen beizubringen, zeigt die Wissenschaft längst, dass dieses Konzept überholt ist (siehe Blogbeitrag „Leadership“). Weder ist der Herdenverband in der freien Natur auf eine einziges dominantes Wesen ausgerichtet, noch nehmen Pferde Menschen überhaupt als gleichartige Wesen wahr. Was Tiere bei der Bodenarbeit jedoch lernen können, ist Regeln zu respektieren – auf der Basis von Vertrauen und Kontrolle. „Das ist ein gegenseitiger Prozess“, beschreibt Andy Booth, ein australischer Pferdetrainer, der in Bordeaux lehrt „Auch der Reiter muss sich ja in der Nähe eines Tieres wohl fühlen, dass theoretisch durchaus für ihn gefährlich werden kann“.

Die Macht des Auges für das Pferdetraining

Doch was bedeutet das in der Praxis? A und O der Interaktion mit Pferden ist der Blickkontakt – vom Rücken des Pferdes her natürlich unmöglich. „Die Tiere sind feinfühlige Beobachter mit einer außergewöhnlichen Wahrnehmung“, weiß die auf Pferde spezialisierte Verhaltensforscherin Prof. Robin Foster, die u.a. an der University of Washington lehrt. Pferde möchten uns sehen und nehmen bereits feinste Körpersignale auf. Erst auf dieser Ebene kann ein Dialog zwischen Reiter und Pferd überhaupt entstehen. Erst der Blickkontakt macht eine Kommunikation für ein Training möglich, das die Basis dafür legt, was am Ende im Idealfall „blindes“ Verstehen zwischen Reiter und Tier bedeutet – so die Essenz ihrer Forschung.

Problemlösung beginnt in der richtigen Bodenarbeit

„Gute Bodenarbeit stimuliert das Gehirn des Pferdes um seine Problemlösungsmechanismen zu fördern“, fasst Biochemikerin Dr. Lesley Hawson von der Charles Sturt Universität in Australien zusammen, wie lerntheoretische Ansätze nicht wie einst darauf zielen, ein Pferd zu „brechen“, sondern über Verstärkung, Shaping und ein positives Lernumfeld Motivation, Aufmerksamkeit und damit langfristige Erfolge zu erzielen. Eine Bodenarbeit, die komplexe Aufgaben wie z.B. den Gang in den Hänger auf kleine Schritte herunterbricht, die Lernziele in sinnvoll aufeinanderfolgenden Aufgaben erreicht und steigert, ist die beste Basis, um untrainierte Pferde zu guten Reittieren zu machen – ohne sie durch Stressen oder Druck in eine unerwünschte Richtung zu konditionieren. Nicht nur, weil sie einige der geforderten Aufgaben so überhaupt erst meistern können, sondern auch weil sie lernen, die feinen Signale des späteren Reiters aufzunehmen und zu befolgen. Ist dies etabliert, ist auch ein Werkzeug geschaffen, auf das in kritischen Situationen (z.B. Scheuen) zurückgegriffen werden kann.

Sicherheit für Pferd und Mensch

Der Boden – nicht der Sattel! – ist auch der Ort, um Pferden die Angst vor Dingen zu nehmen, die sie womöglich erschrecken könnten. Laute Geräusche, unbekannte Gegenstände, schnelle Bewegungen – beim Reiten kann all dies zur Gefahr werden. Lernt das Tier bei der Bodenarbeit über Shaping oder positive Verstärkung, dass eine Tüte, ein Ballon, eine Autohupe keine Gründe zum Erschrecken sind, macht dies das Reiten viel sicherer. Natürlich kann nicht jede Eventualität am Boden durchgespielt werden, aber das grundsätzliche Vertrauen, dass der Halter eine Gefahrensituation richtig einschätzt und an der Seite des Tieres ist, wird geschult – darin sind Foster und Hawson sich einig. „Die Fortschritte in der Bodenarbeit sind auch ein Hinweis darauf, ob ein junges Tier überhaupt schon geritten werden kann“, so Hawson. Die Reaktion des Pferdes auf die Anwesenheit des Trainers, seine Fortschritte dabei, Signale wahrzunehmen und umzusetzen – all das zeigt, ob es schon sicher ist, das Pferd zu satteln und zu besteigen „Wer am Boden keine Kontrolle über die Bewegungen des Tiers hat, wird dies auf dem Rücken des Pferdes erst recht nicht haben“, so Booth.

Führung, Vertrauen, Verbindung

Vertrauen ist da, das Pferd hat alles gelernt, was es lernen muss und wird regelmäßig geritten – das Thema Bodenarbeit aber bleibt. Wie ein Flugzeug sollte auch ein Pferd erst einmal gecheckt werden, bevor der „Flug“ losgeht, ist die routinierte Vorgehensweise von Booth. Führung, Vertrauen, Verbindung – das sind die drei Schlüsselpositionen, die vor jedem Ausritt getestet werden sollten. Ein bisschen Bodenarbeit vor dem Reiten liefert wertvolle Informationen, ob das Tier an dem betreffenden Tag unter Stress steht, ob es übersensibel ist und wie es auf Signale reagiert. Und natürlich, ob womöglich ein akutes gesundheitliches Problem vorliegt, welches das Reiten zur Tortur machen würde. Und nicht zuletzt schadet es nicht, vor dem Ausritt den (Blick-)Kontakt zu etablieren und die eine oder andere Übung zu wiederholen – ganz einfach um die Verbindung zum Tier zu intensivieren. 10 bis 15 Minuten Bodenarbeit geben dem Pferd zudem die Gelegenheit, warm zu werden, sein Muskeln zu aktivieren und zu prüfen, ob der Sattel in Postion bleibt.

Bodenarbeit im Alter

Verletzte oder alte Tiere, die nicht mehr geritten werden können, genießen Bodenarbeit besonders. Die Verbindung zum Menschen, die Stimulation von Muskeln und Gewebe und die Reize, die das Gehirn auf Trab halten, sind unverzichtbar für Tiere, die ihr Leben lang aktiv waren. Alte oder verletzte Tiere, die zur Untätigkeit verbannt werden, bauen stark ab und leiden extrem unter der fehlenden Forderung. Bodenarbeit ist der beste Weg, ihnen das nicht anzutun.

Gute Bodenarbeit will gelernt sein

Ohne gute Bodenarbeit geht es also nicht, da sind sich die Wissenschaftler einig. Aber auch die will gelernt sein. Das setzt zunächst die Akzeptanz voraus, wie wichtig der regelmäßige Umgang mit dem Pferd auf dieser Ebene ist. Booth und Hawson empfehlen aufgrund ihrer praktischen und akademischen Erfahrung, ein wissenschaftlich basiertes pferdezentrisches Training von der Pike auf zu lernen, denn der Boden ist auch der Ort, an dem der künftige Reiter an sich arbeitet. Der Einsatz von positiven und negativen Verstärkern, von Shaping und Konditionierung zur Vertrauens- und Ausbildung erfolgt nach Regeln, die auf die Möglichkeiten des Pferdes abgestimmt sind. Das Wissen um den zeitlich engen Zusammenhang eines Reiz-Reaktions-Musters (siehe auch dieses Video), um die Wahrnehmung und um die physischen Voraussetzungen von Pferden, die das Training bestimmen, sind der essentielle Grundstock. Unsere Blogartikel und Videos greifen viele dieser Themen auf, die Seminare in der AKA zeigen, wie eine wissenschaftlich basierte Bodenarbeit mit EBEC praktisch so funktioniert, dass dein Training entspannt für Tier und Mensch verläuft, dein Pferd dir vertraut und die Bodenarbeit von Erfolg gekrönt ist.

Basisübungen der Bodenarbeit

Es ist unmöglich, alle Übungen am Boden aufzulisten. Hier nur ein paar der wesentlichsten:

  • Fokus auf den Menschen, nicht die Umgebung
  • Den Kopf senken
  • Gewöhnung an beängstigende Objekte oder Geräusche
  • Auf Signale reagieren
  • Vorwärts, rückwärts und seitwärts bewegen
  • Longieren
  • Das Pferd über, unter, um Hindernisse schicken
  • Stillstehen
  • Kontrolle ohne physischen Kontakt
  • Huf heben und senken
  • Alle Gesten des Pferdes beachten
  • Positive und negative Verstärkung mit Einsatz der instinktiven Verstärker einsetzen
  • Das Stresslevel unten halten, damit lernen ermöglicht wird

In den Lehrgängen der AKA lernst du, wie die Basisübungen richtig ausgeführt werden. Viele Tipps und Hilfestellungen gibt dir auch mein neues Buch „Aus dem Blickwinkel des Pferdes“.


 

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