Futter als Belohnung für Pferde bringt mehr Nach- als Vorteile

Allgemein wird „Belohnung“ im Pferdetraining als ein Ereignis gesehen, dessen Auftreten nach einem bestimmten Verhalten die Wahrscheinlichkeit dieses Verhaltens erhöht. Nun gibt es einen alten Streit: Ist Futter für Pferde eine sinnvolle Belohnung oder nicht? Die Antwort ist einfach, wenn wir auf die wissenschaftlichen Grundlagen blicken.

Grundsätzlich dreht sich das Leben von Säugetieren um zwei Faktoren: Überleben und Fortpflanzen. Alles andere, was sich der Mensch mit dem Pferd ausgedacht hat, ist Training und nicht im Pferd aus der Natur heraus angelegt.

Da wir selbst zu den Säugetieren gehören, fällt es uns leicht, mit ihnen zu empfinden. Es fällt uns so leicht, dass wir oft versucht sind, zu glauben, wir würden unsere Pferde besser verstehen als das tatsächlich der Fall ist.

Frühe Zoologen teilten die Säugetiere und deren Verhaltensweisen nach ihrer Ernährungsweise ein. Löwe, Tiger, Katze und Hund fressen Fleisch – so brachte man sie in einer Gruppe unter und nannte sie Fleischfresser oder Carnivora. Pferde, Zebras und Antilopen fressen Pflanzen – sie sind somit Pflanzenfresser oder Herbivora.

Wer mehr Verständnis für diese Kategorien entwickeln will, untersucht am besten die Logik der Prozesse, die in den letzten Millionen Jahren deren körperliche und verhaltenstechnische Merkmale geformt haben. Das verdeutlicht die außergewöhnliche Effizienz bestimmter Verhaltensweisen.

Raubtiere/Fleischfresser haben Krallen für den Fang von Beutetieren und scharfe schneideartige Zähne, mit denen sie Fleischstücke aus Beute herausreißen können. Aktive Raubtiere brauchen viel Energie – Fleisch und Muskeln gehören zu den reichsten und konzentriertesten Nährstoffen. Sie entwickelten dolchartige Eckzähne, mit denen Beute gepackt wird und Reißzähne, die sich wie Klingen einer Heckenschere gegeneinander bewegen. Die beiden Zahntypen sind das Hauptmerkmal der Raubtiere. Wo auch immer sich Säugetiere von Blättern und Gräsern ernähren, sind auch Raubtiere mit solchen Waffen zur Stelle, die den Pflanzenfressern auflauern. Erfolgreiche Jäger erhalten eine hochwertige Nahrung als Belohnung für ihr Verhalten. Sie müssen eine Beute suchen, dann erlegen und dies meist nach einer bestimmten Anstrengung: Die Beute wird zur Trophäe und damit wird Futter zur Belohnung.

Fluchttiere/Pflanzenfresser verfügen über flache Backenzähne, um harte pflanzliche Gewebe zu zerreiben sowie über spezielle Mägen, in denen die langwierige Verdauung ihrer Nahrung stattfindet. Wenn sich ein Tier von Gras ernährt, führt das nicht nur zur Ausbildung von Mahlzähnen und mehrkammerigen Mägen, sondern auch zu komplexen Sozialsystemen, die das Überleben gegenüber Fleischfressern erhöhen.

Gras ist verhältnismäßig nährstoffarm, es enthält Stärke und unverdauliche Zellulose. Bakterien sind die einzigen Lebewesen, die Zellulose verwerten können, daher verfügen Pferde über Bakterienkulturen im Verdauungstrakt; doch selbst mit deren Hilfe vergeht viel Zeit, bis sich die Nährstoffe aufgespalten haben.

Im Verhältnis zur aufgenommenen Masse liefert Gras nur wenig Energie. Als Ausgleich für diese Form der „Mangelernährung“ muss das Pferd Energie sparen und sich in Herdenverbänden organisieren. Nahrung kann nicht als Belohnung für geleistete Arbeit erkannt werden, wie das bei Raubtieren der Fall ist. So können wir weder in der Natur noch in Studien beobachten und feststellen, dass sich Pferde in der Herde über Nahrung belohnen. Dies geschieht über andere nonverbale Verhaltensweisen und Gesten. Futter und Wasser sind in der Natur des Pferdes immer zugänglich und vorhanden, es ist nicht im Pferdegehirn oder in den Genen angelegt, dass es für Futter eine bestimmte Aufgabe erfüllen muss, für die es dann Futter erhält.

So können wir mit Studien als auch im Praxisalltag belegen und beobachten, dass bei Pferden, die über das Futter belohnt werden, zum einen erst das Training stattfinden muss, dass das Futter die Belohnung ist. Zum anderen muss diese Belohnung in der Reaktionszeit eines Pferdes, also vom dreizehntel bis achtzehntel einer Sekunde bis maximal drei Sekunden eintreten muss, damit das Pferd überhaupt das Futter mit dem davor erbrachten Verhalten verknüpfen könnte. Weiterhin ist bewiesen und auch wieder zu beobachten, dass Pferde, die mit Futter belohnt werden und somit aus der Hand gefüttert werden, Fehlverhalten in Form von Knabbern, Stumpen und Beißen aufweisen.

Selbst nach erfolgreicher Flucht verweigert der Pflanzenfresser die Nahrungsaufnahme bis das System, also Adrenalin und Cortisol, wieder heruntergefahren sind und die Situation als ungefährlich eingestuft wird.

Im Pferdetraining wird vieles logisch, wenn man sich mit den festen Abläufen im Verhalten von Pflanzen- und Fleischfressern beschäftigt. Die Kenntnis über das natürliche, instinktive und reflexartige Verhalten der Pferde helfen uns, ihr und unser Verhalten zu steuern.

Wir erkennen, dass im Training von Pferden Belohnungstypen verwendet werden müssen, die für das Pferd verständlich sind und seiner Art gerecht werden. So werden Missverständnisse vermieden und ein Ausbildungserfolg garantiert. Deshalb ist es von großer Bedeutung ein klares Belohnungskonzept zu etablieren, welches nicht auf Futter als Belohnung für Pferde aufgebaut ist. Ein Leckerli ist also eher kontraproduktiv.

Nur ein Beispiel für pferdezentrisches (also vom Pferd her gedachtes) Training, welches auf der Trainingstechnik EBEC basiert. Die Trainingstechnik EBEC wird in den Lehrgängen der AKA | Andrea Kutsch Akademie vermittelt.

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