Nicht nur Menschen gähnen, auch Pferde tun es. Daraus schließt man schnell: Das Pferd ist müde. Doch auch Frustration, Stress oder Anspannung können ein Grund dafür sein, dass das Pferd gähnt.

Allzu oft machen wir Menschen den Fehler, unsere eigenen Verhaltenscodes auf das Tier zu übertragen. Wer mit Pferden artgerecht umgehen möchte, sollte sich deshalb bemühen, die Pferdesprache zu erlernen. Denn nur so ist eine interspezifische Kommunikation, eine wirkliche Verständigung zwischen Mensch und Tier möglich.

Erst dann hat man eine Chance, wirklich zu ermitteln, was hinter bestimmten Verhaltensweisen des Pferdes – wie dem Gähnen – steckt.

Warum ein Pferd gähnt

Die Ursache für das Gähnen der Pferde erforschen – das war auch das Ziel zweier behaviouristischer Studien einer Gruppe französischer und einer Gruppe polnischer Wissenschaftler.

Ihre Ausgangsbasis war die Beobachtung, dass Pflanzenfresser generell sehr selten gähnen, dies jedoch bei domestizierten Pferden vergleichsweise häufig zu sehen ist. Sie fragten sich, warum, und welche Funktion das Gähnen für diese Tiere wohl hat. War es geschlechtsspezifisch? Hatte es seine Ursache in der Domestizierung ? Oder war es individueller Ausdruck von Stress?

Die französischen Wissenschaftler nahmen das Gähnen und das stereotype Verhalten von Pferden in diversen Formen der Stallhaltung genauer in Augenschein. Verglichen wurde zum einen eine Gruppe von 87 Wallachen, die einmal täglich für ein Stunde geritten wurde, dreimal täglich per Automat in ihren separierten Einzelboxen gefüttert wurden und zusätzlich morgens Heu bekamen.

Dagegen stand eine gemischtgeschlechtlichen Gruppe von 59 Pferden aus drei verschiedenen Reitschulen mit ähnlichen Haltungsbedingungen: Sie hatten in ihren Einzelboxen Blickkontakt miteinander, wurden vier bis zwölf Stunden pro Woche geritten, dreimal täglich gefüttert, hatten aber unbegrenzt Heu zur Verfügung und generell mehr soziale Kontakte, sei es untereinander oder mit Menschen.

Die Forscher nutzten die Methode des focal continuous sampling, sie legten also den Fokus immer für einen genau definierten Zeitraum (5-10 Minuten) auf ein Individuum.

In beiden Gruppen fiel eine Korrelation besonders auf: Je häufiger ein Pferd stereotype Verhaltensweisen wie z. B. Koppen, Weben oder Scharren zeigte, desto öfter gähnte es auch. Je weniger Formen der stereotypen Verhaltensweisen ein Tier an den Tag legte, desto weniger gähnte es.

In der ersten Gruppe trat das Verhalten nachmittags besonders häufig auf, also wenn es kein Heu mehr gab. In der zweiten Gruppe wurde interessanterweise besonders häufig vor den Mahlzeiten gegähnt, sonst aber insgesamt seltener als in der Kontrollgruppe. Ein Zusammenhang zwischen Geschlecht, Alter oder Rasse der Tiere war nicht erkennbar.

Die Studie zeigt erstmals einen klaren Zusammenhang zwischen dem „Wohlfühlfaktor“ und dem Gähnen der Pferde, ohne jedoch die genauen Ursachen des Stresses herauskristallisieren zu können. Zudem war auch danach immer noch ungeklärt, ob das Gähnen nicht doch seine Ursache in der Domestizierung, also im Genpool der Tiere hat.

Ist Gähnen dem Pferd antrainiert?

Um dieser Frage nachzugehen, verglichen polnische Behaviouristen das Verhalten von 19 Przewalski-Pferden, die unter semi-natürlichen Bedingungen lebten, mit dem zweier Gruppen domestizierter Pferde unter ähnlichen Voraussetzungen: Sie waren rund ums Jahr draußen, tranken Wasser aus Bächen und Seen, fraßen die Pflanzen der Umgebung und hatten die Möglichkeit, im klar strukturierten Herdenverband zu leben und frei miteinander zu interagieren.

Die Forscher waren überrascht zu sehen, dass es keinen Unterschied zwischen der Gähn-Frequenz der wilden und der domestizierten Pferde gab. Ihr klares Ergebnis: Die Ursache des Gähnens liegt also nicht in der Domestizierung an sich, sondern an der Art und Weise der Tierhaltung. Gestützt wurde dieses Ergebnis auch durch einen Zahlenvergleich zwischen den beiden Studien: Pferde unter natürlichen Bedingungen gähnten generell rund 60 Mal seltener als ihre Artgenossen in Stallhaltung.

Was die polnischen Wissenschaftler aber sehr wohl beobachteten, war eine Korrelation zwischen der Gähn-Frequenz und der sozialen Interaktion, sowohl bei den Przewalski-Pferden wie auch bei ihren „gezähmten“ Artgenossen. Dies eher bei männlichen Tieren. Und häufiger, wenn die Interaktion spannungsreich oder gar aggressiv verlief.

Gähnen als stressbedingte, entlastende Übersprungshandlung, also? „Gähnen kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, durch den Testosteron-Level ebenso wie durch stressige Interaktion. Aber eine hohe Frequenz des Gähnens bei domestizierten Pferden ist eine klare Botschaft an den Trainer oder den Reiter, die Haltungsbedingungen des Tieres zu überprüfen“, fasst Wissenschaftlerin Aleksandra Górecka-Bruzda vom Institute of Genetics and Animal Breeding Department of Animal Behavior in Polen das Ergebnis zusammen.

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