Vor rund 30 Jahren gründete Dr. Joe Pagan in Kentucky ein auf die wissenschaftliche Untersuchung von Pferden spezialisiertes Institut, das Kentucky Equine Research (KER). Der Fokus lag für den Bewegungsexperten dabei auch auf der Art und Weise, wie die Ernährung Einfluss auf die Performance, aber auch die Gesundheit von (Renn-)pferden nimmt. Er und sein Team haben in den drei Dekaden ihres Wirkens mehr als nur einen Ernährungstrend kommen und gehen sehen. Immer wieder zu erleben, wie neue wissenschaftliche Studien bestehende Erkenntnisse hinterfragen und zu neuen Einsichten und Umgangsformen mit Pferden führen, ist für die Forscher bis heute spannend wie ein Krimi.

Das wachsende Skelett

Wissenschaftliche Arbeiten zum Metabolismus und zur Altersmedizin von Pferden waren in den 1980ern noch Zukunftsmusik. Bei Institutsgründung ging es vor allen Dingen um die Frage, welche Elemente Skelett und Knochen von heranwachsenden Tieren stark und gesund machen, damit diese zu leistungsfähigen und einträglichen Turnier- und Zuchtpferde werden können. Nicht zuletzt waren die Züchter Kentuckys Initiatoren dieser Richtung, denn schon kleine Unregelmäßigkeiten auf Röntgenbildern ein- oder zweijähriger Tiere beeinflussten den Wert ihrer Pferde negativ.

Wie die Mutter so das Kind

Noch während Wissenschaftler wie Veterinäre in Kentucky versuchten, Korrelationen für diese Unregelmäßigkeiten zu finden, stellten Forscher der Ohio State University eine Verbindung zwischen der Kupfermenge im Futter tragender Stuten und der Häufigkeit metabolischer Knochenerkrankung beim Fohlen her. „Plötzlich scherten sich alle nur noch um Kupfer“, erinnert sich Pagan kopfschüttelnd an die Folgemonate, in denen sich alles um die Frage drehte, ob die Ernährung des Muttertieres an die Bedürfnisse des Fohlen angepasst werden müsse und wenn ja, wie und in welchem Stadium der Trächtigkeit. Die Antwort kam aus Neuseeland, wo Wissenschaftler ganz klar die heute gängige Erkenntnis belegten, dass eine Nahrungsergänzung für das Muttertier sich positiv auf Knochenaufbau und Gesundheit des Fohlens auswirkt. Ein wichtiger Schritt war getan, der sich bis heute im Ernährungsplan von Pferden widerspiegelt.

Einfluss der Kohlenhydrate

Dennoch waren metabolische Knochenerkrankungen in den 90ern immer noch ein zentrales Thema im Institut, ganz speziell, wenn sie bei frühreifen, schnell wachsenden jungen Pferden auftraten. Dass bestimmte Formen der Verletzungen mit der Wachstumsgeschwindigkeit der Tiere zu korrelieren schienen, lenkte den Blick des Teams um Pagan auf den Einfluss einer möglichen überschüssige Nahrungsenergie. Theorie war, dass zu viele Kohlenhydrate u.a. Osteochondrosis dissecans (OCD), eine Knochenläsion unterhalb des Gelenkknorpels, auslösen würden. Pagan lag richtig. Seine breit angelegte Untersuchung zu den verschiedenen Formen der Pferdeernährung auf den unterschiedlichen Farmen in Kentucky zeigte: Je höher ein kohlenhydrathaltiges Lebensmittels den Blutzuckerspiegel trieb (glykämischer Index), desto häufiger trat auch OCD auf.

Struktur erhalten

Erst mit Milleniumsbeginn war die Forschung so weit, dass der Schwerpunkt nicht mehr auf dem Knochenwachstum der Pferde in jungen Jahren lag, sondern sich auf den Erhalt der Knochenstruktur bei gut ausgebildeten Turnierpferden verlagerte. Eine Studie, die Pagan und sein Team Anfang der 2000er mit milchbasierten Proteinen als Nahrungsergänzung durchführte, um deren Wirkung auf Knochenaufbau und -dichte zu überprüfen, gab eine weitere künftige Richtung in der Ernährung vor: Nicht nur machten die Proteine die Knochen – auch im Zusammenspiel mit einer natürlichen Kaliumquelle – stärker, sie beugten auch dem Knochenverfall im Alter vor.

Metabolismus

Doch nicht nur die Auswirkung der Ernährung auf das Skelett hat das Institut in den vergangenen 30 Jahren beschäftigt. Da Pferde Stärke und damit große Getreidemahlzeiten nicht gut verarbeiten können, ging die Ursachenforschung auch in diese Richtung. Schon bald war klar: Folge ist ein erhöhter Säuregehalt im Dickdarm, der zu Durchfall, aber auch Geschwüren führen kann. Dies, so zeigen die Studien von Pagan und seinem Team, wird deutlich abgemildert, wenn das Getreide vorher aufbereitet wird. Ein eigens entwickeltes Natriumbicarbonat, das die Magensäure abpuffert und so die Menge an Milchsäure im Darm signifikant reduziert, ist eine hilfreiche Ergänzung für Pferde, die viel Getreide bekommen müssen.

Begleiterscheinungen

Der lange Weg der Forschung rund um die Ernährung von Pferden war für die Wissenschaftler in Kentucky auch von ungeplanten Begleiterscheinungen gesäumt, die ihren Untersuchungen oft eine neue Richtung gaben. So hatte z.B. die Gabe von Furosemid, um die Lunge der Pferde bei Rennen zu stabilisieren, auch zum Ergebnis, dass die Tiere viel häufiger als gewöhnlich urinierten. Das führte nicht nur zu einem (gewollten) Gewichtsverlust der Tiere, sondern auch zu einem Ungleichgewicht in ihrem Mineralienhaushalt. Es galt also, die Medikation zu ergänzen. Ein weiteres Beispiel: Die Behandlung von Magengeschwüren mit Omeprazol führt dazu, dass Pferde einen höheren Kaliziumbedarf haben, da sie dies nicht mehr so gut verarbeiten können. Ein Nebeneffekt, der jedem Halter und Veterinär bekannt sein sollte.

Ran an die Gene

Zur Erforschung von Pferdeernährung und zur Entwicklung von Medikamenten wie Nahrungsergänzungen gehört natürlich auch das Wissen darum, wie der Pferdemetabolismus sie überhaupt verarbeiten und umsetzten kann. So zeigen Studien beispielsweise, dass natürliches Vitamin A eine doppelt so hohe Bioverfügbarkeit für Pferde hat wie künstliches.

Derzeit in Kentucky im Blick: Das Co-Enzym Q10, das in seiner natürlichen Form eine sehr niedrige Bioverfügbarkeit für die Tiere hat, die aber deutlich steigt, wenn es in Wasser aufgelöst wird. „Es bleibt spannend, denn in vielen Facetten der Ernährung steckt die Wissenschaft immer noch in den Kinderschuhen. Und genau dort verbergen sich womöglich Potenziale, die wir heute noch gar nicht ahnen“, so Pagans Ausblick. Dazu zählt er zwei Felder, die er als vorherrschend in der künftigen Forschung zur Ernährung von Pferden definiert: Der Effekt, den die Ernährung auf die Ausprägung und den Ausdruck des vorhandenen Genmaterials hat. Und die Auswirkungen, die genetische Prädispositionen auf die Umsetzung von Nahrung und Nahrungsergänzungsmitteln haben.

Der Rück- und Ausblick von Pagan zeigt, wie wichtig und einflussreich die Ernährung auf Wachstum, Gesundheit und Performance eures Pferdes ist. In den Kursen und Seminaren der AKA lernt ihr wissenschaftlich basiert und weit über das gängige Basiswissen hinaus, wie das Futter euer Tier beeinflusst, welche körperlichen Prozesse dabei eine Rolle spielen und wie ihr euer Tier so ernährt, dass es ihm je nach Alter, Aufgabenstellung und individueller Disposition gut geht.


 

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