Junge Pferde ausbilden – was man beachten sollte

Bis ein Jungpferd voll ins Training einsteigen kann, braucht es seine Zeit. Dennoch haben Wissenschaftler jetzt festgestellt, dass es durchaus Sinn macht, junge Pferde bereits in den ersten drei Lebensjahren schrittweise auf das Training vorzubereiten. Denn von einem wohldosierten Ausbildungsprogramm hat der Youngster sein Leben lang Vorteile.

Junge Pferde anreiten fördert den Bewegungsapparat

In den ersten zwei bis drei Jahren entwickelt und verändert sich der Bewegungsapparat eines jungen Pferdes stark. Muskeln, Knochen, Gelenke, Sehnen – alles ist im Aufbau. Diverse Studien haben gezeigt, dass moderate, angepasste Bewegung in dieser Zeit unterstützend wirken kann, denn das Gewebe reagiert positiv auf diese Stimulation. Muskeln entwickeln einen besseren Metabolismus und können Nahrung besser in Energie umsetzten, Knochen werden dichter und Sehnen stabiler. Alles Komponenten, die ein Pferd später nicht nur leistungsfähiger, sondern auch weniger anfällig machen. Eine Studie von Johanna Lepeule (Harvard University Boston) zeigt, dass Pferde, deren Fitness bereits als Fohlen aufgebaut wurde, später deutlich weniger zu Osteochondrose neigten.

Wann soll es mit der Pferdeausbildung losgehen?

„All das widerspricht der landläufigen Meinung, dass Pferde in den ersten zwei Jahren gar nicht trainiert werden sollen“, so Dr. Roger Smith, Orthopäde am Royal Veterinarian College in England. Doch wann sollte es mit dem Aufbau und der Konditionierung losgehen?

„Unterschiedliche Gewebe reagieren zu unterschiedlicher Zeit“, so Smith. Während Sehnen bereits in sehr jungen Jahren positiv auf Bewegung ansprechen, sollten Gelenken und Knochen noch in Ruhe gelassen werden „Wir wissen sicher, dass das Knochenwachstum besonders positiv reagiert, wenn es bei Zweijährigen gefordert wird“.

Seine Kollegin Prof. Hilary M. Clayton von der Michigan State University fügt hinzu: „Eine frühe Arbeit mit dem Pferd weitet zudem die Lunge und das Herz“. Andrea Kutsch ergänzt: „Wer mit EBEC (evidence based equine communication) arbeitet, lernt mit Hilfe der EBEC Pyramide die Physiologie des Pferdes vom ersten Tag des Trainings an mit einzubeziehen und so Langzeitschäden zu vermeiden. Dazu zählt auch die korrekte Arbeit an der Doppellonge, die die Einzellongenarbeit in der ganzheitlichen Pferdeausbildung ersetzt.“

Vorsicht beim Ausbilden von jungen Pferden

Einig sind sich die Wissenschaftler auch darin, dass bei der Jungpferdeausbildung die frühe Vorbereitung auf das spätere Training moderat und angepasst sein sollte.

Los kann es schon mit den Fohlen gehen, mit ganz leichter Bodenarbeit ohne Sattel. „Es geht darum, das Pferd physisch auf das spätere Training vorzubereiten, es fit und stark zu machen, damit es später zu hohen Leistungen fähig ist“. Dabei gilt es, so Smith, nicht nur die physische sondern auch die psychische Komponente im Blick zu behalten. Ein junges Pferd wird immer Freude an der Bewegung haben, doch wenn die Konditionierung für das Training zu hart ist, wenn der noch wachsende Bewegungsapparat überbeansprucht wird, werden die Pferde mit Unlust reagieren. Das kann auch eine Begründung sein, wenn Pferde nicht mehr gerne vorwärts gehen. Wenn es passiert, auf keinen Fall eine Peitsche einsetzen, sondern sich direkt an uns wenden, sich fortbilden, damit man das Verhalten des Pferdes schnell selbst umkonditionieren kann.

Eine ergänzende Studie von Dr. Witold Kedzierski (Universität Lublin, Polen) zeigt zudem, dass es einen deutlichen Unterschied macht, wie das junge Tier an das Training gewöhnt wird. Viel bewegungsfreudiger zeigten sich junge Pferde, die individuell im Roundpen oder Longierzirkel geschult wurden und denen schrittweise die Angst vor dem Unbekannten genommen wurde – im Gegensatz zu Jungpferden, die in einer Führanlage antrainiert wurden.

„Es ist wichtig im Blick zu behalten, wann das Tier gestresst ist, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch“, so seine Schlussfolgerung. Im wissenschaftlich basierten Pferdetraining, wie es an der AKA gelehrt und Pferdebesitzern beigebracht wird, erlernt man mit Hilfe von Ethogrammen, die psychologische Komponente professionell mit einzubeziehen. Anhand von Zeichnungen verstehen die Teilnehmer, wie ein Pferd seine psychologischen Beweggründe zum Ausdruck bringt und wie man als Trainer nicht mehr mutmaßen muss, ob es nun zu viel oder zu wenig Arbeit oder Druck für das Pferd ist.

„Das Maß aller Dinge im modernen Pferdetraining ist es, durch fundierte Ergebnisse der Wissenschaft zu wissen, wo mein Pferd steht und wieviel ich ihm zumuten kann. Das ist einzigartig in der AKA und die Gewissheit, die man gewinnt kommt Pferd und Mensch gleichermaßen zu Gute“, so Kutsch.

Die Balance halten für das Jungpferd in Ausbildung

Aber wie viel ist „genug“? Es gilt die richtige Balance zu finden: Ein Fohlen auf einer riesigen Weide zu belassen, ist genauso kontraproduktiv wie es permanent im Stall zu halten. „Es ist wie bei jungen Athleten: Probleme treten auf, wenn die Konditionierung zu schnell und zu intensiv passiert. Das junge Gewebe aber auch das junge Tiere benötigen Zeit und kleine Schritte, um an das Training gewöhnt zu werden“, so Smith. Er warnt davor, bereits mit jungen Tieren zu intensiv auf hartem Boden zu arbeiten, zu springen, sie bergab schneller als im Schritt laufen zu lassen oder schnell Drehungen auszuführen. „Um dieses Training zu machen, muss der gesamte Bewegungsapparat voll ausgebildet sein.“. Gerade in der Pferdeflüsterei können hier Schäden verursacht werden, indem junge Pferde im Kreis „gescheucht“ werden und häufig unnötig abrupt im Longierzirkel gedreht werden. Es wurde in zahlreichen Studien über die Arbeit des Pferdeflüsterers Monty Roberts und seine Join-Up Methode nachgewiesen, das dadurch psychologischer Druck ausgeübt werden kann, der Adrenalin (Stresshormone) im Pferdekörper produziert und zudem auch auch für eine Deomotivation im Pferd durch psychische und physische Überforderung sorgen kann.

Wie Pferde bereits in jungen Jahren konditioniert werden können, wie man erkennt, ob sie gestresst sind und welche physischen Voraussetzungen für welche Bewegungen Voraussetzung sind, zeigen die Lehrgänge der AKA. So wird zum Beispiel ein Pulsgurt beim praktischen Training angewandt, mit dessen Hilfe gemessen wird, wann ein Pferd überbeansprucht wird. Die pferdezentrische Perspektive zeigt, wie eine artgerechte und schrittweise Konditionierung erfolgt und die Theorie, welche physischen Voraussetzungen ein Pferd für welche Trainingseinheit mitbringen muss.

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