Wer das Gewicht eines Pferdes beurteilen will, muss zunächst einmal die Rasse des Pferdes betrachten und seinen rassetypischen Körperbau. Das ist ein erheblicher Faktor bei der Beurteilung eines Pferdes. Ein Quarterhorse zum Beispiel hat eine sehr ausgeprägte Hinterhand, während ein Vollblüter grundsätzlich zierlich gebaut ist.

In meinem Buch „Die Pferdeflüsterin erzählt“ hatte ich über ein Pferd geschrieben, das ich mal im Training hatte. Es wurde angeliefert, weil es aufgrund von unakzeptablen Verhaltensweisen als unreitbar galt.

Ich erschrak, als ich das Pferd erstmals sah, es war viel zu dick, zu schwer, kurzum: es hatte massives Übergewicht. Es sah aus wie ein Warmblüter und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich darauf gewettet. Man muss bedenken, dass ein englischer Vollblüter nur bis zu 520 kg auf die Waage bringen darf, während dort gerade mal das Minimalgewicht eines Hannoveraners beginnt. Es gibt also große rassebedingte Gewichtsunterschiede. Dazu mehr weiter unten in diesem Blogbeitrag.

Ein Sportpferd darf nicht zu dünn, aber auch nicht zu dick sein. Es sollte rundum gesund aussehen, also weder halb verhungert noch darf es unnötiges, überschüssiges Fett mit sich herumtragen müssen.

Runter mit den Pferdepfunden

Den Vollblüter im Training habe ich unmittelbar auf Diät gesetzt, da mussten die Pfunde erstmal purzeln, denn ansonsten kann das Übergewicht zu Lasten der Gelenke gehen.

Die Besitzerin hatte mir das damals übelgenommen, denn ihre Vorstellung eines glücklichen Pferdes war: Es muss fett sein. Aber rein fachlich und wissenschaftlich basiert betrachtet, war der Zustand des Pferdes gesundheitsschädlich.

Mir wurde dann in der Presse nachgesagt – obwohl das Pferd wundervoll wurde, reitbar, lieb und artig – dass ich es hätte es verhungern lassen. Die Geschichte ging breit und unreflektiert durch die Medien und hatte mich sehr verletzt, denn ich war stolz, wie wundervoll sportlich dieses schöne Vollblutpferd nach meinem Training und der professionell durchgeführten Diät aussah.

Ein Vollblüter darf also niemals wie ein Warmblüter aussehen. Aber woran erkennt ihr das nun am besten? Anhand der folgenden Richtlinien lässt sich beurteilen, ob ein Pferd gut und gesund gefüttert und bewegt wird:

So sieht Dein Pferd aus, wenn es gesund gefüttert und bewegt ist:

  • Im Übergangsbereich zwischen Lendenwirbelsäule, Kreuzbein und Schweifwirbeln sollte die Muskulatur erkennbar sein
  • Die Rippen des Pferdes sollten nicht zu sehen sein
  • Die Rippen des Pferdes sollten sich mit leichtem Handdruck gut ertasten lassen
  • In der seitlichen Bauchwand unterhalb der Querfortsätze der Lendenwirbel, also am oberen Teil der Flanke sollte keine Einsenkung sichtbar sein
  • An Widerrist und Rücken sollten die einzelnen Wirbel nicht mit bloßem Auge zu erkennen sein.

Das Pferd darf einen ausgeprägten, weichen Mähnenkamm haben, man sollte aber auf eine gute Verteilung zwischen Muskelaufbau und abnormalen Fettdepots achten und die genetische Disposition (Spanisch, Mustang, Morgan, Warmblüter, Haflinger etc) und das Geschlecht (Hengsthals) immer mit in Betracht ziehen.
Der Mähnenkamm (auch Fettkamm genannt) kann Hinweise auf das Equine metabolische Syndrom (EMS) geben, vor allem, wenn das Fettdepot an der Mähne hart wird. Darauf weist die Abteilung für Tiermedizin und Chirurgie der Universität von Missouri Professor Dr. Philipp Johnson ausdrücklich hin.

So sieht Dein Pferd aus, wenn es zu dick ist:

Pferd ist zu dick

  • Hohe Fettpolster am Mähnenkamm und Schweifansatz
  • Speckrollen vor dem Sattelblatt
  • Hüfthöcker ist nicht erkennbar
  • Fettpolster an Kruppe und der Schweifrübe
  • Fettrollen an den Ganaschen, wenn das Pferd in der Anlehnung geritten wird
  • Wenn Schulter und Hals ineinander übergehen und miteinander verschmelzen
  • Ist der Bauch nach dem Weidegang auch am nächsten morgen noch aufgebläht, Tierarzt einschalten und Darmflora untersuchen lassen

Anzeichen dafür, dass Dein Pferd zu dünn ist:

Pferd ist zu dünn

  • Einsenkung in der seitlichen Bauchwand und am oberen Teil der Flanke
  • Halswirbel unterhalb des Mähnenkamm erkennbar
  • Schulterblatt und Buggelenk deutlich sichtbar
  • Rippen mit bloßem Auge erkennbar
  • Wirbel deutlich erkennbar
  • Herausstehende und sichtbare Hüfthöcker
  • Hervorstehende Kruppe
  • Sichtbare Sitzbeinhöcker
  • Eingefallenes Gesicht
  • Insgesamt schwache Bemuskelung

Sind die Wirbel sichtbar, aber der Bauch ist aufgebläht und dick, kann es ein Anzeichen für eine gestörte Darmflora oder Holzhaltiges, schlechtes Rauhfutter (viel Lignin) sein. Tierarzt einschalten und checken lassen.

Übergewicht des Pferdes kann folgende Krankheiten mit sich bringen:

  • Überbelastung der Gelenke und des Bewegungsapparates
  • Der Stoffwechsel des Pferdes kann entgleisen und zu dem Equine Metabolischem Syndrom (EMS) führen, zur Hufrehe sowie zu Leber- und Nierenerkrankungen

Ein Pferd darf nur langsam auf Diät gesetzt werden:

  • Bei einer Radikaldiät besteht die Gefahr einer Störung des Stoffwechsels, zB. der Hyperlipämie. Das Pferd kann die freigesetzten Fettreserven nicht abbauen und das Fett gelangt ins Blut. Es droht Leberversagen!
  • Kraftfutterrationen nur langsam reduzieren, viel rohfaserreiches Futter geben, also Heu. Als Faustformel rechnet man pro 100 kg Körpergewicht 1,0 kg – 1,5 kg Raufutter. Das Pferd darf nicht hungern. Ist das Pferd mit der Menge nicht ausreichend über den Tag beschäftigt, kann man durch Heunetze die Fresszeiten verlängern. Weidegang im Sommer begrenzen. Viel Bewegung.
  • Den Mineral- und Spurenelementhaushalt vom Tierarzt überwachen lassen
  • Vorher und nachher wiegen

So lässt sich das Gewicht eines Pferdes langsam steigern:

  • Weidegang erlauben und täglich etwas mehr, nicht sofort auf saftige Weiden, das sorgt für Stoffwechselkrankheiten
  • Kraftfutter langsam steigern, mehrere kleine Mahlzeiten
  • Bewegung aufrechterhalten, viel Schritt führen, wenig Aufregung
  • Ganztägig gutes Heu zur Verfügung stellen

Das wiegen Hauspferde verschiedener Pferderassen mit der entsprechenden Körpergröße:

Pferderasse Gewicht Größe
Andalusier 390 – 490 kg Stockmaß 150 – 172 cm
Appaloosa 430 – 570 kg Stockmaß 145 – 160 cm
Criollo 400 – 550 kg Stockmaß 138 – 150 cm
Deutsches Reitpony 320 – 330 kg Stockmaß 138 – 148 cm
Englisches Vollblut 480 – 520 kg Stockmaß 152 – 173 cm
Fjordpferde 370 – 380 kg Stockmaß 135 – 150 cm
Freiberger 550 – 650 kg Stockmaß 150 – 160 cm
Friese 500 – 750 kg Stockmaß 155 – 175 cm
Haflinger 450 – 600 kg Stockmaß 138 – 148 cm
Hannoveraner 530 – 760 kg Stockmaß 160 – 185 cm
Holsteiner 700 – 850 kg Stockmaß 165 – 175 cm
Isländer 300 – 500 kg Stockmaß 130 – 150 cm
Lipizzaner 560 – 660 kg Stockmaß 153 – 158 cm
Norweger 430 – 580 kg Stockmaß 135 – 150 cm
Oldenburger 510 – 700 kg Stockmaß 165 – 179 cm
Quarterhorse 530 – 550 kg Stockmaß 150 – 160 cm
Tinker Kaltblut 460 – 730 kg Stockmaß 136 – 160 cm
Trakehner 460 – 670 kg Stockmaß 160 – 170 cm
Welsh-A-Pony 345 – 355 kg Stockmaß bis 122 cm
Westfale 530 – 740 kg Stockmaß 162 – 175 cm

Überernährung ist nicht typisch für Pferde

Wenn wir das Gewicht und die richtige Ernährung unserer Pferde betrachten, müssen wir immer im Hinterkopf behalten, dass der ursprüngliche Lebensraum des Pferdes die Steppe gewesen ist.

Wenn ich mit den wildlebenden Mustangs in Kalifornien arbeite, fällt mir immer wieder auf, das die Gräser, die dort wachsen, karg sind und die Pferde mindestens 16 Stunden am Tag grasen müssen, um überhaupt ihren Grundhaushalt zu erhalten. Sie bewegen sich dabei kontinuierlich im Schritt vorwärts, um das nötige Futter aufzunehmen. Das können 40 bis 60 zurückgelegte Kilometer am Tag sein.

Wenn Euer Pferd sich also wenig bewegen kann, vor allem im Winter in seiner Box, dann muss das Kraftfutter in jedem Fall stark reduziert werden. Ein paar Kilogramm zu viel in üppigeren Zeiten sind absolut vertretbar, aber es darf kein Dauerzustand sein.

Was wiegen Pferde? Pferdegewicht schätzen
Ein Tipp für eine unterhaltsame Übung im Stall, die für das Thema sensibilisiert: Mit Freunden und Pferdekollegen gemeinsam das Pferdegewicht der im Stall befindlichen Pferde schätzen lassen, dann mit der folgenden Gewichtsformel „wiegen“: Gewicht in kg = Brustumfang in der Sattellage bei Beginn des Widerristes (cm)² x Körperlänge von Buggelenk bis Sitzbeinhöcker (cm) : 11.900


 

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