Wie das Wohlbefinden des Pferdes seine Einstellung zur Umwelt beeinflusst

„Always look on the bright side of life!“ Das ist die Basis der Trainingsmethode EBEC (Evidence Based Equine Communication). Und das aus guten, wissenschaftlich basierten Gründen.

Bei uns Menschen scheint es für die einen naturgegeben, in vielen Umständen glücklich sein zu können. Andere sehen dagegen alles eher negativ, für sie ist ein Glas halb leer, dass für die positiv gestimmten Mitmenschen halb voll ist.

Und wie ist das bei den Pferden? Bereits 2013 beobachtete ein Schweizer Forschungsteam den Zusammenhang zwischen dem Wohlbefinden der Tiere und einer grundsätzlich eher optimistischen Grundeinstellung.

Eine weitere Studie, die uns in der AKA riesig freut. Denn je mehr Studien zum Wohlbefinden von Pferden erscheinen, desto häufiger wird uns bestätigt, wie richtig unsere eigenen Studien gewesen sind, die wir durchgeführt haben, um EBEC zu entwickeln.

Auch eine neue französische Studie hat jetzt noch einmal bestätigt: Pferde, die artgerechter gehalten werden, die sich grundsätzlich wohler fühlen und keinem Stress ausgesetzt sind, haben ein höheres Vertrauen darin, dass das Ergebnis ihres Einsatzes positiv ausfällt. Dementsprechend lernen sie mit mehr Freude – eine Voraussetzung für den langfristigen Trainingserfolg. In den Seminaren und in unseren aufeinander aufbauenden Lehrgängen wird die Methode EBEC gelehrt.

Angstfreies Training macht optimistisch

Das Team vom Schweizer Nationalgestüt der Agroscope in Avenche nutzte 2013 ein Verfahren, das bereits aus anderen behavioristischen Tier-Studien bekannt war, jedoch bis dato noch nie für Pferde eingesetzt worden war. Die Forscher arbeiteten mit zwölf Stuten. Zunächst wurden den Tieren auf der Weide zwei verdeckte Eimer in einigem Abstand hingestellt. In dem linken befand sich stets Futter, der rechte war immer leer. Schnell lernten die Pferde, dass es keinen Sinn machte, den Deckel des rechten Eimers zu lüften – Futter gab es dort ja nie.

Im zweiten Schritt brachten die Wissenschaftler den zwölf Pferden fünf Tage lang diverse Aufgaben bei. Die eine Hälfte der Pferdegruppe wurde mit positiven Verstärkern trainiert, die andere mit Bestrafungen. Dabei wurden das Verhalten der Pferde, ihre Körpersprache, ihr Kontakt mit dem Trainer wie auch ihr physisches Befinden (Herzfrequenz, Hauttemperatur, Atmung etc.) genau dokumentiert.

Während dieses Trainings wurde ein weiterer verdeckter Eimer zwischen die beiden schon bekannten platziert, dies an unterschiedlichen Stellen auf der Weide. Würden die Pferde den „unbekannten“ Eimer öffnen, um ihn auf Futter hin zu untersuchen? Waren sie plakativ gesprochen „optimistisch“ genug, zu „hoffen“ darin Leckereien zu finden? Die Forscher beobachteten, dass die Tiere, die mit positiven Verstärkern trainiert wurden, signifikant häufiger einen solchen „Optimismus“ an den Tag legten, dass sie den Deckel des unbekannten Eimers häufiger beiseiteschoben, als die Gruppe, die Bestrafungen und damit einhergehend messbaren Stress erlebt hatte. „Dies legt nahe, dass die Pferde, die weniger Stress erfahren hatten, sich auch wohler fühlten“, so die Schlussfolgerung.

Schlechte Erfahrungen formen den Pessimisten

Dieses Ergebnis bestätigt in noch größerem Umfang eine drei Jahre später durchgeführte Studie von Behaviouristin Dr. Séverin Henry von der Universität in Rennes. Ihr Team untersuchte das Verhalten von 34 Pferden. 25 von ihnen stammten aus zwei verschiedenen Reit-Clubs, wurden dort in Einzelboxen gehalten, regelmäßig geritten und zu fest definierten Zeiten gefüttert. Die anderen neun lebten dauerhaft in Weidehaltung und in Gruppen von bis zu vier Tieren.

Vor dem „Optimismus“-Test, der ähnlich aufgebaut war wie bei ihren Schweizer Kollegen (zwei bekannte Eimer, dieses Mal drei unbekannte Eimer), evaluierten die französischen Verhaltensforscher für jedes Pferd den Grad seines Wohlergehens. Eckpunkte dafür waren auffällig stereotypisches Verhalten, eventuelle Aggression gegenüber dem Menschen, aber auch die Gesundheit des Tieres, hier speziell Rückenschmerzen.

Auch in dieser Studie fiel das Ergebnis deutlich aus: Pferde mit geringem Wohlergehen waren signifikant pessimistischer. Je besser es den Pferden ging, desto häufiger schauten sie nach, ob in den „unbekannten“ Eimern nicht doch vielleicht Futter versteckt sei. Dieses Experiment stellt ganz klar eine Verbindung zwischen der unmittelbaren Umgebung eines Pferdes und seiner Einstellung gegenüber der Umwelt her. Es scheint, dass eine Ballung von Negativ-Erfahrungen dazu führt, dass ein Pferd seine Umgebung grundsätzlich negativer wahrnimmt. Zu solchen negativen Erfahrungen zählen mangelnder sozialer Kontakt zu Artgenossen, wenig Anregung und womöglich körperliche Schmerzen.

Die Sprache der Pferde verstehen

„Das Wohlbefinden eines Pferdes und das ist nun erneut wissenschaftlich bewiesen worden, ist ein besonders großer Teil der Arbeit mit EBEC, da es mit dem physischen wie auch mit dem psychischem Status des Pferdes und den zu erbringen Leistungen direkt verknüpft ist“, bestätigt auch Andrea Kutsch, die erste Thesen zu diesem Thema bereits in den Jahren 2009 – 2011 untersuchte. „Das Problem ist nur häufig, dass Menschen, die mit Pferden umgehen und zusammen sind, nicht genau wissen, wie sie erkennen können, ob es dem Pferd gut oder nicht gut geht. Das betrifft vor allem die psychische Komponente.“, so Andrea Kutsch weiter.

Dafür entwickelte sie Ethogramme, die wie ein Vokabelheft die interspezifische Kommunikation des Pferdes für Menschen lesbar machen und den Teilnehmern der Lehrgänge zugänglich sind. Das ist ein hilfreiches Werkzeug, um Klarheit über den psychischen Zustand des Pferdes zu erlangen.

Da Pferde uns ihre Gefühle nicht in unserer Sprache mitteilen können, ist es wichtig, ihr „Vokabular“ zu verstehen. Die interspezifische Kommunikation, das Einnehmen einer pferdezentrischen Perspektive, aber auch die Kenntnis von biologischen Voraussetzungen und instinktbedingten Prädispositionen führen dazu, dass wir Menschen ein deutlich größeres Verständnis dafür entwickeln, was uns ein Pferd „sagen“ möchte. Und vor allem, wie es ihm geht. Eine Basis, die für ein stressfreies und damit effektives Training sowie langanhaltende Trainingserfolge unerlässlich ist.

Die Forschung muss weitergehen

Doch es ist noch viel Forschungsarbeit auf diesem Gebiet zu leisten. Denn wie die französische Studie in ihrem weiteren Verlauf zeigt, scheinen noch andere Faktoren für eine optimistische oder pessimistische Grundeinstellung eine Rolle zu spielen. Als die Einheit von fünf Trainings-Tagen mit den beiden Gruppen vorbei war und die zwölf Stuten sich weiterhin mit den beiden „bekannten“ und dem einen „unbekannten“ Eimer und auf der Weide konfrontiert sahen, änderte sich plötzlich das Bild. Jetzt waren es die Stuten, die Bestrafung erfahren hatten, die sich deutlich optimistischer zeigten.

“Das widersprach komplett unserer Hypothese,” so das Forscherteam, dem ähnliches Verhalten von Schafen, die zuvor starkem Stress ausgesetzt waren, bekannt ist. Eine mögliche Erklärung: Die „Freude“ über den Wegfall der Bestrafung. Möglich ist aber auch, dass dieses Verhalten geschlechtsabhängig ist oder dass es mit der Art der „Belohnung“ variiert und ganz anders ausfallen würde, wenn nicht Futter, sondern z.B. nach einer Phase der Isolation Artgenossen warten. Dies können nur vertiefende Studien klären.


 

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