Mit Shaping und Konditionierung Medikamente verabreichen

Spritzen, bittere Medizin – wo wir uns schon schütteln, ist auch das Pferd nicht begeistert. Wie also kann der unliebsame Besuch des Tierarztes möglichst stressfrei für alle Beteiligen über die Bühne gehen?

Dr. Sue McDonnell, Gründerin der Verhaltensstudien für Pferde an der Universität von Pennsylvania, weist auf die Bedeutung von klassischer und operanter Konditionierung sowie von Shaping hin – wie beim wissenschaftlich basierten Lernen mit EBEC. Das dient nicht nur dem Wohl der Pferde, sondern auch der Sicherheit von Halter und Veterinär.

Wer mit seinem Pferd korrekt übt, hat zudem die Chance, viele kleine Basis-Behandlungen selber machen zu können.

Schritt für Schritt

Ausgangspunkt von McDonnells Überlegungen ist, die Behandlung so wenig schmerzhaft wie möglich zu gestalten. Dafür sei es wichtig, dass das Pferd in einem positiven, motivierten und entspannten Zustand ist. Alleine das kann Schmerzen verhindern und die Behandlung effektiver machen.

Um das Verhalten zu lenken, empfiehlt sie, gewünschtes Verhalten zu verstärken und unerwünschtes zu ignorieren, rät jedoch davon ab, die gleichen Herangehensweisen unendliche Male zu wiederholen, wenn das Pferd immer wieder ausweicht. Sinnvoller sei da das Shaping, also die Prozedur auf kleine Schritte herunter zu brechen und sich so dem Ziel zu nähern.

Ihr Tipp: Dem Pferd bei all dem immer Ausweichmöglichkeiten lassen, damit es sich nicht bedrängt fühlt. Und nicht zuletzt liegt in der Ruhe die Kraft: Wer auch immer mit dem Pferd im Moment der Behandlung zu tun hat, sollte entspannt und leise sein sowie Ruhe ausstrahlen, denn die überträgt sich auf das Pferd.

Aber wie sieht das in der Praxis aus?

Ein kleiner Pieks

Um das Pferd an Spritzen zu gewöhnen, empfiehlt McDonell mit einem positiven Verstärker zu arbeiten – vor allem, wenn das Pferd bereits Angst vor Spritzen entwickelt hat.

Ein Konzept kann das Spritzen parallel zu einer Ablenkung sein. Haltet eurem Pferd etwas Interessantes zum erkunden hin, was es noch nicht kennt oder sehr interessant findet, lasst es schnuppern und erkunden. Dann konzentriert es sich ganz auf diese eine Sache. Das kann auch ein Apfel sein oder sehr interessantes neues Futter oder Reize die es spannend findet. Ihr selbst kennt Euer Pferd ja am besten und wisst, was es aufregend findet.

Währenddessen wird die Spritze gesetzt und sobald alles vorbei ist, gibt es dann eine Belohnung, wie ein Streicheln oder ab auf die Koppel zu den Freunden. Ein anderer Weg ist, das Tier abzulenken. Ein Pferd, dass eine Injektion bekommt, während es souverän und ruhig herumgeführt wird, evtl. von einem guten Kumpel-Pferd begleitet, wird kaum auf den kleinen Pieks reagieren.

Wenn ihr die Spritze selbst setzt, weil es muskulär und nicht intravenös gemacht wird und es Euch ein Tierarzt beigebracht hat, haltet die ganze Zeit vom Pferd als positiv empfundenen Körperkontakt. Den Wiederrist mindestens 30 Sekunden vor und möglichst auch während des Spritzens zu massieren schafft eine entspannte und vertrauensvolle Atmosphäre und trägt dazu bei, das Stresslevel niedrig und das Pferd motiviert zu halten.

Medikamente schlucken

Ähnliches gilt auch für die orale Medikamentengabe. Ein Pferd, dessen Widerrist oder Kopf massiert wird, ist per se entspannter. Dann kommt die Belohnung: Eine schmale, stumpfe Spritze, wie bei der Wurmkur, die in süße Melasse oder Korn-Sirup getunkt ist, hilft! Nach Möglichkeit sollte diese Leckerei auch dem Medikament beigemischt sein. Unter andauerndem Körperkontakt die Tülle in den Mundwinkel einführen und in eine Lücke zwischen den Zähnen schieben. Vielleicht auch mehrfach wiederholen, ohne die schlechter schmeckende Masse einzuspritzen.

Pferde lernen durch Wiederholung. Dabei aufpassen, den Rachen oder die Zähne nicht direkt zu berühren. Nun die Flüssigkeit langsam injizieren. Die orale Medikamentengabe lässt sich übrigens ganz hervorragend mit Substituten üben, so könnt ihr euer Pferd langsam an das Gefühl gewöhnen.

Hat das Tier extreme Angst, empfehlen wir, einen AKA Equine Coach zu Rate zu ziehen oder über unsere Website das Pferdetraining zu buchen. Natürlich lernt ihr am besten, wenn ihr einen Lehrgang besucht, denn all diese Problemchen könnt ihr selber lösen, bevor Situationen eskalieren und schlechtes Verhalten etabliert wird.

Nasal und rektal

Besonders unangenehm für das Tier ist eine Injektion von Flüssigkeit in die Nase. Hierzu empfehlen wir eine speziell entwickelte Spritze, die nicht in die Nase eingeführt werden muss, sondern das Medikament in die Nüstern sprüht. Wer es versuchen will, hält die stumpfe Tülle zwischen Daumen und Zeigefinger so, dass nur ein ganz kurzes Ende herausragt. Die Hand via Körperkontakt mit dem Pferd stabilisieren und das Tier beruhigen. Wenn das Pferd entspannt ist, die Hand so drehen, dass die Flüssigkeit in die Nasenlöcher gespritzt werden kann.

Am besten ihr übt diese Prozedur mehrfach, einfach nur das Anlegen und wieder entfernen, ohne dass etwas passiert, damit das Pferd diese Behandlung via klassischer Konditionierung als nicht bedrohlich einstuft.

Ein ebenso unbeliebtes Procedere ist die rektale Messung der Körpertemperatur. Ihr könnt in Vorbereitung dazu den Bereich unter dem Schweif massieren, bis das Pferd sich entspannt hat und dann das Thermometer einzuführen. Erst nur ein bisschen, mit viel Vaseline einschmieren, dann wieder raus und wieder etwas tiefer einführen. Mit Shaping mehrfach wiederholen. Wenn das nicht klappt, die Massage weitläufiger ansetzten und von der Mitte des Rückens an beginnen. Auch dieser Ablauf kann in kleinen Schritten geübt werden, bis das Pferd via Shaping gelernt hat, sich auf die Berührungen hin zu entspannen.

In der Ruhe liegt die Kraft

McDonnell und Andrea Kutsch betonen, wie wichtig es bei all dem ist, selbst entspannt zu bleiben. Reagiert das Pferd verängstigt oder weicht aus, liegt gerade darin die Kraft, sich fortzubilden. Jegliche Reaktion zu bemerken und sich Kompetenz anzueignen, wie man am besten unerwünschtes Verhalten vermindert und erwünschtes Verhalten verstärken kann, ist der sicherste Weg, ein entspanntes Pferd während der Untersuchung und Behandlung zu haben. Das entspannt uns Menschen im übrigen auch.

Wer mehr über Konditionierung und Shaping erfahren möchte, besucht die Seminare der AKA, denn die verhaltensbasierten Methoden sind wichtige Säulen im alltäglichen, wissenschaftlich fundierten Training von Pferden.


 

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