Manchmal haben Menschen Mitleid, wenn sie Pferde im Winter auf der Koppel sehen oder in einen Stall kommen, den sie als kalt empfinden. „Das arme Pferd muss frieren“, denken sie dann in Sorge um die Gesundheit des Pferdes.

Und so werden Pferde sehr oft nach unserem menschlichen Empfinden mit einer Pferdedecke eingedeckt – im Winter gegen die Kälte, im Sommer gegen Insekten, egal ob im Stall oder auf der Weide.

Doch wie sinnvoll ist dieses Eindecken wirklich? Wir freuen uns sehr, dass endlich eine wissenschaftliche Studie zu diesem Thema mehr Klarheit gibt.

Das Ergebnis wird manchen überraschen: Auch wenn es sinnvoll sein kann – in vielen Fällen schadet eine Decke über dem Pferdekörper mehr, als sie nutzt, wie eine Pilotstudie von Kim Hodgess, Masterstudentin im Bereich Equitation Science am Duchy College (GB), jetzt zeigt. Ihre Feldstudie ist eine der ersten Untersuchungen dieser Art, bisher gibt es kaum Forschungsergebnisse zum Thema Eindecken, geschweige denn Beobachtungen, die verschiedene Arten von Decken in ihrem Effekt auf das Pferd genauer unter die Lupe nehmen.

Wie wir Menschen haben auch Pferde eine optimale Umgebungstemperatur, in der sie ihre Körpertemperatur ohne großen Energieaufwand durch Thermoregulation auf dem Level der normalen 37,3 bis 38,0 °C im Ruhezustand halten können – die sogenannte thermoneutrale Zone (TNZ). Für erwachsene Pferde liegt diese zwischen 5 und 25 °C.

Bei Menschen dagegen ist die Spanne weitaus geringer: Unsere TNZ liegt zwischen 25 und 30 °C, wir frieren also viel früher als das Pferd. Ein Grund dafür ist, dass unsere Oberfläche im Verhältnis zum Körpervolumen fast doppelt so groß ist wie beim Pferd. Wir Menschen verlieren bei derselben Außentemperatur durch die Haut also sehr viel mehr Wärme als das Pferd.

Was das Pferd uns auch noch voraus hat: Es wechselt zweimal jährlich sein Fell, um sich ideal auf die kalte und die warme Jahreszeit einzustellen. Zudem stellt es sich durch die angepasste Verteilung des isolierenden Körperfetts ebenfalls auf kommende Kälte oder Wärme ein. Damit macht es sich fit dafür, je nach Jahreszeit Temperaturen in der Bandbreite von -10 bis -20 °C Kälte und bis etwa 30 °C Wärme recht problemlos zu verkraften.

Dennoch ist ausgerechnet das Körperempfinden des Menschen in vielen Fällen die Basis dafür, zu entscheiden, ob es einem Pferd womöglich kalt ist oder nicht. Dabei zeigen die genannten Daten klar: Wenn der Mensch fröstelt oder gar friert, ist es einem Pferd immer noch wohlig warm. Das beweist es uns dadurch, dass es nicht zittert, sich ganz normal bewegt und verhält und sich gern im Freien aufhält, ja sogar dort schläft, selbst wenn es alternativ auch in seinen Stall gehen könnte. Nur wenn es lange regnet und das Fell nass wird, kommt dann auch die Thermoregulation des Pferds an ihre Grenzen.

Wer die Welt aus der Perspektive des Pferdes sieht, bekommt automatisch ein anderes Verhältnis zu Temperaturen. Weil wir einen Stall im Winter kühl finden, bedeutet das nicht, dass Ställe auf für uns angenehme Temperaturen geheizt werden müssen. Denn das Pferd fühlt sich eben auch bei niedrigeren Temperaturen wohl.

Und auch das Eindecken von Pferden ist nicht immer so sinnvoll oder nötig, wie viele denken.

Das Team um Hodgess untersuchte eine Gruppe Pferde, die routinemäßig eingedeckt werden. Ein Teil der Tiere stand permanent im Stall, ein anderer Teil auf der Weide. 25 % der Tiere wurden mit leichten Decken gegen Insekten eingehüllt, 50 % mit Fleecedecken, einige wenige mit einer Steppdecke und der Rest blieb als Kontrollgruppe uneingedeckt. Über 24 Stunden wurde dann die Hauttemperatur der Tiere – also die Umgebungstemperatur unter der Decke – im minütlichen Rhythmus aufgezeichnet, ebenso die Außentemperatur.

Durchschnittlich stieg die Temperatur bei den Pferden, die eine leichte Insektenschutzdecke trugen, um 4,2 °C. Die Temperatur unter den Fleecedecken war im Schnitt 11,2 °C höher als vorher und unter den Steppdecken stieg sie um 15,8 °C an. Für 25 % der eingedeckten Pferde bedeutete dies, in einer körpernahen Umgebungstemperatur von 24 bis 30 °C zu stehen – Werte, die teilweise weit über ihrer TNZ lagen, also den Temperaturen, bei denen Pferde sich wohlfühlen.

Bei den Kontrollgruppen ohne jegliche Eindeckung wurden unter gleichen Bedingungen im Durchschnitt Hauttemperaturen von 12,5 bis 18,5 °C gemessen. Das sind Temperaturen, die sich im mittleren Rahmen der TNZ für Pferde bewegen und damit deren natürlicher Wohlfühlzone entsprechen.

Dass einige Arten von Pferdedecken die Hauttemperatur so signifikant erhöhen, dass sich das Tier unwohl dabei fühlt, ist für Hodgess Grund genug, ihre Forschungen weiter voranzutreiben. Nicht nur im Sinne des punktuellen Tierwohls, sondern auch dahingehend, ob der routinemäßige Einsatz von zu warmen Decken die Körperkompetenz der Tiere, die Temperatur zu regulieren, negativ beeinflusst. „Das Wissen um den richtigen Einsatz der verschiedenen Arten von Decken wirft noch viele Fragen auf, z.B. ob die Fellfarbe einen Einfluss auf die Temperaturentwicklung hat und ob eine dauerhaft zu hohe Umgebungstemperatur das Paarungsverhalten beeinflusst oder zu Hauterkrankungen führt“, blickt sie in die Zukunft.

„All diese Aspekte zeigen, wie wichtig es für die Gesundheit des Tieres ist, einen pferdezentrischen Blickwinkel einzunehmen“, freut sich Andrea Kutsch über die erste Untersuchung zu diesem Thema. Das Wissen darum, dass und wie der Pferdekörper anders als der Körper des Menschen funktioniert, hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Kurse der AKA sind auf diesem Weg ein Baustein.


 

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