Viele Pferde werden mit Gebiss geritten oder trainiert. Dass das Einsetzen – zumindest bei den ersten Malen – nicht unerheblichen Stress verursacht, zeigt jetzt eine Dissertation von Nicole Bradley vom Bishop Burton College in Ost-Yorkshire (GB).

Unter Federführung von Dr. Caroline Benoist hat sie den Stresslevel junger Pferde während und nach dem Einsetzen des Gebisses ermittelt. Ihr spannendes Ergebnis zeigt nicht nur, dass Stress Pferden manchmal nicht anzumerken ist, weil er sich gar nicht visuell manifestiert, sondern öffnet auch den Blick für neue Wege der Gewöhnung und des Trainings.

So wurde getestet

In einer Feldstudie wurde einer Gruppe von durchschnittlich 3,5 Jahre alten Pferden – Wallache sowie Stuten – an drei aufeinanderfolgenden Tagen das Gebiss auf traditionelle Art eingesetzt: Nasenriemen und Zügel wurden abgenommen, der Trainer stand mit dem Blick nach vorne jeweils auf der linken Seite der Tiere, zeigte ihnen kurz den Gegenstand, führte den Daumen in die linke Ecke des Mauls ein, um es zu öffnen und setzte das Gebiss dann in einer Bewegung ein. Alle Pferde waren zunächst angebunden, wurden dann aber nach 1 Minute für 5 Minuten im Stall freigelassen. Zum Einsatz kamen zwei verschiedene Typen von Gebissen.

Während dieser Zeit maßen Brandley und ihr Team zwei Stressindikatoren: Die Augentemperatur wurde mittels thermografischer Bilder als Referenzwert zunächst im Ruhezustand kurz vor dem Einsetzen des Gebisses ermittelt, dann unmittelbar danach sowie nach 5 Minuten. Die Herzfrequenz der Tiere wurde in den gleichen Intervallen aufgezeichnet. Unterstützend beobachteten die Forscher das Verhalten der Pferde und ordneten deren Stresslevel anhand von Maul- und Augenbewegungen auf einer Skala von 1 (Sehr entspannt) bis 5 (komplett verängstigt) ein.

Stress wird oft nicht erkannt

Das Ergebnis zeigt auf faszinierende Weise, das Stress oft im Verborgenen stattfindet und eine reine Verhaltensbeobachtung nur ein unzureichender Indikator ist. Obwohl die Tiere an keinem der drei Tage ein auffälliges Verhalten aufwiesen und auch ihre Augentemperatur nicht signifikant erhöht war, zeigte das Herzmonitoring, wie aufgeregt und beunruhigt die Pferde waren.

Die Herzfrequenz aller Tiere war am ersten Tag am höchsten und sank dann im Laufe der drei Tage – jedoch nicht unter einen als Stress definierten Level bzw. auf den vor dem Einsetzen des Gebisses gemessenen Referenzwert. Dies legt nahe, dass zwar eine leichte Gewöhnung eintrat, nicht aber eine Entspannung. All diese Ergebnisse waren unabhängig vom Typus des eingesetzten Gebisses und vom Geschlecht des jeweiligen Pferdes.

Wie viele Tage und Wochen Pferde schlussendlich benötigen, um durch das Gebiss nicht mehr unter Stress zu geraten, sollte Gegenstand künftiger Forschungen sein. Ebenso, ob die Art und Weise, wie ein Gebiss eingesetzt wird, den Stresslevel womöglich senkt.

„Eine Untersuchung alternativer Methoden zur Einführung, beispielsweise unter Verwendung operanter Konditionierung, kann wertvolle Ansätze zur Gewöhnung des Pferdes an den ungewohnten Gegenstand im Maul liefern. In ähnlicher Weise kann die Anwendung anderer Methoden zur Quantifizierung physiologischer Stressreaktionen zu einem wertvollen Hilfsmittel führen, das Halter bei der Beurteilung von Pferden während des Trainings und Performance unterstützt“, so Rebecca Brassington, die das interessante Forschungsergebnis bei der 14. Konferenz der International Society of Equitation Science (ISES) in Rom präsentierte.

Pferdezentrisches Vorgehen vermeidet diesen Stress

Die Studie von Bradley sensibilisiert einmal mehr dafür, dass das Training mit EBEC (Evidence-Based Equine Communication) wie auch ein pferdezentrischer Blickwinkel unnötigen Stress für Tier und Halter vermeiden können. Hat das Pferd das Gebiss erst einmal als unangenehmen abgespeichert, ist es schwer – wenn auch nicht unmöglich – diese Konditionierung aufzulösen. Das Wissen darum, dass Pferde bei den ersten Einsätzen unter Anspannung stehen, das Wissen darum, dass sie dies nicht unbedingt offensichtlich zeigen, ist eine gute Basis, um von Anfang an einen anderen Weg einzuschlagen und das Tier erst durch ein langsames Shaping oder positive Verstärkung an den ungewohnten Gegenstand im Maul zu gewöhnen.


 

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